Über die Top 50

Statistische Auswertungen, philosophische Erwägungen und biografische Anmerkungen zur Top Fifty der besonders lyrischen Politiker-Doppel-Nachnamen mit mindestens einem Umlaut

Zehn Jahre lang, von 1999 bis 2009, amtierte sie als Bürgermeisterin der Stadt Bünde bei Bielefeld, musste tausende Schriftstücke signieren und dies stets mit ihrem vollständigen Namen. Der bestand aus einem Vornamen und gleich drei durch Bindestriche verbundenen Nachnamen. Wie oft Anett Kleine-Döpke-Güse, geborene Anett Kleine-Döpke, jenen Tag im Jahr 1985 verfluchte, an dem sie einen gewissen Herrn Güse heiratete und bei dieser Gelegenheit dessen Nachnamen als ihren dritten annahm – es ist nicht überliefert. Gegen Ende ihrer Amtszeit bekannte Anett Kleine-Döpke-Güse: »Hätte ich damals schon gewusst, dass ich später einmal so viel unterschreiben muss, hätte ich mich wohl gegen den langen Namen entschieden.«

So aber heißt Anett Kleine-Döpke-Güse eben nicht Anett Kleine-Döpke oder Anett Güse, sondern Anett Kleine-Döpke-Güse und belegt unangefochten den ersten Platz in der Hitparade der besonders lyrischen Politiker-Doppel-Nachnamen mit mindestens einem Umlaut, also Ä, Ö oder Ü. Dass es sich bei Kleine-Döpke-Güse eigentlich um einen Dreifach-Nachnamen handelt, muss jetzt einfach mal ignoriert werden.

Nein, Thorsten Schäfer-Gümbel ist durchaus kein extrem exotischer Politiker-Doppel-Nachname. Zwei Umlaute und ein guter Rhythmus (einfach mal ins nächstgelegene Waldgebiet joggen und dann lauthals skandieren: »Schä-fer! Güm-bel!«) sind aber durchaus sehr guter Durchschnitt, weswegen der SPD-Spitzenkandidat für die hessische Landtagswahl am 22. September einen soliden 13. Platz belegt.

Damit firmiert er unmittelbar vor Evelin Schönhut-Keil (Grüne), liegt aber knapp hinter Dorothea Störr-Ritter (CDU), die wiederum von Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne), Emine Demirbüken-Wegner (CDU), Monika Gärtner-Engel (MLPD) sowie Agnes Hürland-Büning (CDU) getoppt wird, bevor auf Platz 7 mit Hubertus Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg wieder ein Mann in unserem Ranking auftaucht.

Der Prinz führte nicht nur einen Dreifach-Nachnamen (bedauerlicherweise nur mit einem Umlaut!), sondern übte als Journalist, Schriftsteller, Pressesprecher, Hochschullehrer und Politiker gleich fünf Berufe aus und gehörte im Laufe seines 78 Jahre währenden Lebens gleich vier Parteien (Zentrum, FDP, CDU und Deutsche Partei (DP)) an, ferner dem sozialdemokratisch dominierten »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold«. Geboren ward Hubertus Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg auf Schloss Schönwörth nördlich von Wörgl, Söll und Wildschönau (Österreich).

Gleich 17 der 50 Politikerinnen und Politiker, die in unserer Hitparade gewürdigt werden, sind nicht-weiblichen Geschlechts, also Politiker, nicht Politikerinnen. Männer halt. Das entspricht immerhin 34 Prozent und damit mehr als einem Drittel, was denn doch zu überraschen vermag. Unter den Herren befindet sich mit Alfred Müller-Armack (NSDAP und CDU) der Begründer der so genannten »Sozialen Marktwirtschaft«, der allerdings nur den fünfzigsten und letzten Platz ergattern konnte. Das Müller-Ü wirkt zu beliebig, es erweckt den Eindruck, als wolle sich sein Besitzer einen leichten Fuß machen, um den dann irgendwie in die Hintertür des Rankings zu bekommen.

In Kombination mit einem anderen umlauthaltigen Nachnamen reichte der Allerweltsname »Müller« hingegen für einen guten 16. Platz: Über den darf sich Burkhardt Müller-Sönksen freuen, einstiger liberaler Fraktionschef in der Hamburger Bürgerschaft und heute Bundestagsabgeordneter und medienpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. Burkhardt Müller-Sönksen setzt sich für ein aus seiner Sicht würdiges Gedenken gefallener deutscher Soldaten ein. Zu seinen »Kernanliegen« zählen öffentlich zugängliche »Afghanistan-Ehrenhaine«, die von den Kameradinnen und Kameraden der nicht mehr lebendigen Uniformträger gestaltet werden.

Selbst in den Top Fünf sind zwei Männer (entspricht 40 Prozent) vertreten: Platz vier okkupiert der ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD), der den Mangel, bei Vorlage des Passes bloß auf einen Umlaut deuten zu können, elegant ausgleicht. Und zwar durch die besondere Poesie seiner Politiker-Doppel-Nachnamen-Einfach-Vornamen-Kombination. Formvöllendet!

Kommen wir zum zweiten Platz. Otto Christian Knut Hans Konstantin Hubertus von Kühlmann, Freiherr von Stumm-Ramholz, genannt Knut Freiherr von Kühlmann-Stumm (FDP, DP und CDU) musste sich lediglich Anett Kleine-Döpke-Güse geschlagen geben. Der einstige Begleitoffizier Erwin Rommels machte Karriere im Familienbetrieb, saß aber auch 16 Jahre im Deutschen Bundestag.

Die FDP, deren Bundestagsfraktion er von 1963 bis 1968 führte, verließ Knut Freiherr von Kühlmann-Stumm wegen deren Zustimmung zur sozial-liberalen Ostpolitik. Wie diese (die Ostpolitik!) lehnte er auch das Amt des Bundesfinanzministers ab. Das war 1961.

Gut ein Drittel Männer also in der Hitparade der besonders lyrischen Politiker-Doppel-Nachnamen mit mindestens einem Umlaut – doch auch die Analyse der Parteizugehörigkeiten offenbart Unerwartetes. Musste man wegen vermeintlich liberal-egalitärer Beweggründe nicht mit einer Dominanz von Grünen- sowie FDP-Politikerinnen rechnen? Fakt jedoch ist: Die meisten der aufgelisteten Politikerinnen und Politiker, nämlich 16, gehören oder gehörten der CDU an.

15 Mal ist eine SPD-Parteizugehörigkeit zu verbuchen, acht Mal eine im rechten und rechtsextremen Spektrum jenseits der CDU, elf Mal eine im liberalen Milieu, Doppel-, Drei- und Vierfach-Mitgliedschaften doppelt, drei- und vierfach eingerechnet.

So befindet sich auf Platz 28 Wilhelmine Schirmer-Pröscher, die in der Weimarer Republik der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) angehörte und zu DDR-Zeiten für die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands in der Volkskammer saß, eine der sogenannten Blockparteien. Nach der Wende war sie FDP-Mitglied.

Zwei Politikerinnen haben einen Piep, jedenfalls in ihrem lyrischen Politikerinnen-Doppel-Nachnamen. Die Rede ist, der Kenner ahnt es, von der Sozialdemokratin Renate Jürgens-Pieper und natürlich von der ehemaligen NRW-Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU).

Von den grünen Politikerinnen schafften es acht (es sind tatsächlich ausschließlich Frauen) unter die besten 50 (16 Prozent), allerdings lediglich eine, nämlich Margaretha Hölldobler-Heumüller, unter die ersten Zehn. Hölldobler-Heumüller – die hessische Landtagsabgeordnete wurde für diese ihre wirklich hervorragende Namensleistung mit einem dritten Platz geehrt. Insbesondere überzeugt die mutige Verteilung der beiden Umlaute auf die betonte erste Silbe des ersten und die unbetonte zweite Silbe des zweiten Nachnamens. Frau Hölldobler-Heumüllers Doppel-Nachname entzieht sich so einer populistischen Eingängigkeit, seine Lyrik entfaltet sich erst auf den dritten Blick, dann jedoch mit voller Wucht und Lieblichkeit.

Und die linke Seite? Sie ist vertreten mit Eva Bulling-Schröter (heute: LINKE) auf Platz 33, der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der MLDP, Monika Gärtner-Engel (Platz 9) sowie Grete Groh-Kummerlöw, die zuletzt der SED angehörte und Platz fünf in der Hitparade belegt. Eva Bulling-Schröter, Monika Gärtner-Engel und Grete Groh-Kummerlöw kommen auf Mitgliedschaften in insgesamt acht als links empfundenen Parteien, neben den genannten zählen dazu auch die KPD, DKP, PDS, KABD sowie AUF Gelsenkirchen. Weil allein Monika Gärtner-Engel und Grete Groh-Kummerlöw es in die Top Ten schafften, sind dort nun fünf Parteien links der SPD vertreten.

Dominiert werden die ersten zehn Plätze indes von Politikerinnen und Politikern, die nicht nur einen extrem lyrischen Doppel-Nachnamen mit meist zwei Umlauten aufweisen, sondern deren Hauptpartei zudem in sechs Fällen (das entspricht 60 Prozent!) die CDU war, ist und vielleicht bleiben wird. Jeweils ein Mensch unter den ersten Zehn gehört SPD respektive Grünen an, das rot-grüne Lager ist also mit 20 Prozent in der Spitzenklasse der Doppel-Nachnamen-Trägerinnen und Doppel-Nachnamen-Träger deutlich unterrepräsentiert. Immerhin zwei der Super-Namen-Politiker waren irgendwann einmal FDP-Mitglied.

Gut zu wissen: Im Schnitt weisen die Politiker-Doppel-Nachnamen 1,2 Umlaute auf. Es dominiert das »ö« mit 28 vor dem »ü« mit 27 und dem »ä« mit lediglich acht Auftritten, darunter kein Großbuchstabe. Übrigens weisen auch zwei der Parteien aus unserer Hitparade in ihrem Namen mindestens einen Umlaut auf, nämlich die mit Maria Opitz-Döllinger vertretene Ökologisch-Demokratische Partei (ödp) und natürlich Bündnis 90/Die Grünen – ein Partei-Doppelname mit zwei Umlauten, allerdings ohne jegliche Poesie. Dennoch: Glückwunsch!